Culture eats strategy for breakfast- und lässt es sich gerade so richtig schmecken.

Effizientes Arbeiten im Home-Office setzt gute Vorarbeit voraus und ist auch eine Frage von Werten.

Damals an der Uni hatten wir einen Kurs, der uns alles über Unternehmenswerte beibringen wollte. Darüber, wie Vision und Mission ein Unternehmen und seine Art zu arbeiten prägen. Eine ganze Zeit lang habe ich das nicht besonders ernst genommen und konnte mir nicht vorstellen, dass Kultur mindestens genauso zum Erfolg eines Unternehmens beiträgt wie seine Strategie. Die Einsicht kam im Laufe des Studiums und wurde mit jeder Berufserfahrung, die ich sammelte, bestätigt. Culture eats Strategy for breakfast, und das merkt man gerade so richtig.

Unternehmenswerte sind die Basis für eine funktionierende Arbeitskultur- erst recht remote

Heute, in Zeiten von Corona und unerwartet vielen Wochen im Home-Office, bin ich überzeugt: Die Unternehmen, die es fertig gebracht haben Unternehmenswerte zu erarbeiten, sind anderen einen Schritt voraus . Denn Werte verbinden, sie sind etwas, auf das man sich in der Firma geeinigt hat und was im Zweifel als Guideline für das eigene Handeln dient. Und sie sind die Grundlage für kulturelle Arbeit im Unternehmen. Wir wissen ja, dass Unternehmenskultur existiert, ob die Geschäftsführung was dafür tut oder nicht. Deswegen ist es immer besser etwas dafür zu tun, Kultur aktiv zu gestalten. Das ist mitnichten ein einfacher Prozess. Je nach Stellung von HR im Unternehmen und der Haltung der Geschäftsführung stößt man als treibende Kraft auf Widerstände. Wie so vieles andere habe Unternehmenskultur nichts mit dem direkten wirtschaftlichen Output zu tun. Vielleicht lässt die Geschäftsführung trotzdem einen Teambuildingworkshop im Sommer springen. Das reicht aber noch lange nicht!

Gepflegte Kultur fängt ganz oben an und erfordert Einflussnahme. Gerade, wenn ein Unternehmen sich in einem Veränderungsprozess befindet oder noch ganz am Anfang ist. Wenn ich möchte, dass die Mitarbeitenden selbstverantwortlich handeln, dann müssen wir zunächst einen Konsens, zum Beispiel gemeinsame Werte, finden. Es geht vielmehr darum, wie gut es gerade jetzt ist eine zu haben.

Denn gerade jetzt, mit Mitarbeitenden im Home-Office, vielleicht sogar in Kurzarbeit, mit fehlender Kinderbetreuung und privaten Sorgen kann das Unternehmen nicht mehr viel Einfluss nehmen. Jetzt zahlt sich eine Unternehmenskultur aus, die stabil, über Jahre gepflegt und hinterfragt, inklusiv und offen ist. Allen HR‘lern, Managern und Geschäftsführenden, die hier immer hinterher waren, die Wichtigkeit erkannt und trotz Widerständen durchgesetzt haben, klopfe ich anerkennend auf die Schulter. Denn jetzt erntet ihr die Früchte eurer harten Arbeit!

Virtuelle Coffeebreaks sind super- aber kein Allheilmittel

Coaches und Consulatencies haben schnell Möglichkeiten gefunden, um aus „Teamwork im Home-Office“ ein Produkt zu machen. Das ist sinnvoll und für viele Unternehmen sicherlich auch brauchbar, Digitalisierung ist ja nach wie vor für viele eine Herausforderung. Aber die Einrichtung eines neuen Slack-Channels und das Corona-Tagebuch zum Erfahrungsaustausch allein bringen nicht viel, wenn sie keinen natürlichen Ursprung haben. Das ist wie Schulmedizin und lindert oft nur die aktuellen Symptome. Die tatsächliche Ursache dafür, dass die Produktivität leidet, die Kollegschaft sich nicht austauscht und man dem Optimierungswahn wirklich gar nichts mehr abgewinnen kann, liegt nicht allein an der Arbeit in den eigenen vier Wänden.

Wenn eine Unternehmenskultur vorher nicht bereits Austausch gefördert hat, dann loggt sich auch jetzt niemand in die virtuelle Coffeebreak ein. Wenn bereits vor Corona die Meetingkultur schlecht war, Meetings unpünktlich wahrgenommen oder generell als „zu viel“ angesehen wurden, dann ist die Hürde jetzt noch viel größer ein Meeting einzuberufen. Ich lese übrigens häufig, dass Mitarbeitende sich darüber freuen mehr Kontakt über E-Mail zu haben, statt ständig in Meetings zu sitzen. Die Arbeit sei fokussierter und man würde sich mehr auf das Wesentliche konzentrieren. Das mag so sein. Aber dabei sind doch gerade jetzt Meetings und regelmäßige Abstimmung wichtiger denn je! Gerade jetzt kommt es darauf an, sich auch über Kleinigkeiten up to date zu halten und nochmal seine Gedankengänge und Anforderungen zu erklären. Führung ist eben nicht die Delegation von Aufgaben. Teamarbeit nicht nur das Aufteilen derselben untereinander. Es ist ein gemeinschaftliches Miteinander.

Schließlich laufen 93% unserer Kommunikation nonverbal ab. Über die Hälfte macht Körpersprache aus, den Rest Stimme und Tonlage. Wie können wir dann in diesen Zeiten auf Meetings verzichten? Wie können wir lieber zum Telefon, als zum Videocall greifen? Wie können wir Isolation als produktives Arbeiten bezeichnen?

Fest steht, dass wir nach längerem social distancing zu der Kollegschaft den Bezug zueinander verlieren. Das liegt u.a. auch daran, dass wir weniger physische Welten miteinander teilen. Der Gang zur Kaffeemaschine bleibt aus, das gemeinsame Mittagessen und eben auch der Austausch über zunächst belanglose Themen, aus denen neue Inspirationen entstehen können. Umso wichtiger ist es, dass wir mehr haben was uns verbindet, außer gemeinsame Arbeitsaufgaben. Der informelle Austausch ist ein bedeutender Teil unserer Arbeit. Jetzt, genauso wie sonst auch.

Wie wir trotz social distancing auch im Unternehmen dicht beieinander sind

Dies gilt nicht nur für den Austausch in der Kollegschaft, sondern erst recht zwischen Führungskraft und den Mitarbeitenden. Führungskräfte sollten gerade jetzt die wöchentlichen Jour Fixes durchziehen. Damit meine ich nicht „Meine Leitung ist immer frei, du pingst mich einfach an, wenn du eine Frage hast“. Nein, es muss signalisiert werden: „Ich nehme mir eine Stunde Zeit für dich, wir sprechen über deine Aufgaben und Herausforderungen und finden gemeinsam Lösungen“. Gerade jetzt sind Führungskräfte in der Pflicht zu führen und sich auf weit mehr als die fachlichen Aufgaben konzentrieren.

Vielleicht sollte das monatliche All Hands Meeting jetzt mal jeden Freitag stattfinden. Es muss ja keine ganze Stunde dauern, aber so wie gerade Staatsoberhäupter versuchen ihre Mitmenschen vor den Bildschirmen zu versammeln und auf die kommende Zeit einzuschwören, so kann das doch auch die Geschäftsführung tun. Es sind Zeiten größter Unsicherheit. Wie geht es weiter mit dem Unternehmen? Haben wir gar keine Einnahmen mehr oder ist uns die Sicherung der ein oder anderen Lieferkette doch noch gelungen? Es macht einen riesen Unterschied, ob diese Dinge mündlich kommuniziert, kleine Erfolge vielleicht sogar gemeinsam gefeiert werden können oder ob die entsprechende Mail kurz überflogen wird. Zwischen Wachsmalstiften auf dem Schreibtisch und Bibi und Tina im Hintergrund.

Und wenn die Leitung sich mal gerade nicht aufhängt, sollte auch immer die Videofunktion genutzt werden. Egal, ob die Dreijährige gerade auf dem Schoß sitzt und auf dem iPad Peppa Wutz guckt oder im Hintergrund das Wohnzimmer zu sehen ist. Jetzt ist die Führungskraft eben auch Elternteil, so wie viele anderen auch. Es ist viel wichtiger einen Bezug zueinander zu schaffen, als die verbleibende Energie auch noch dafür aufzuwenden sich zu verkünzeln. Jetzt zahlt es sich aus, wenn man nicht nur das Profilbild, sondern eine Person vor Augen hat, mit der man sich hin und her mailt.

Wochenlanges Home-Office, insbesondere mit integrierter Kinderbetreuung, ist anstrengend. Alle Mitarbeitenden verdienen jetzt eine extra Portion Aufmerksamkeit und ein offenes Ohr, im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Dinge sollten Alltag und sowieso schon tief in der Unternehmenskultur verankert sein. Wenn nicht, dann ist es jetzt höchste Eisenbahn. Unternehmenswerte könnt ihr dann gemeinsam im Workshop vor dem Sommerfest aus den gesammelten Erfahrungen erarbeiten. Bis die Krise vorbei ist, vielleicht erst mal remote.

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