Über den Mindestlohn hinaus

Auch wenn Unternehmen gerade ums blanke Überleben kämpfen- sie tragen trotzdem eine gesellschaftliche Verantwortung und können Arbeitnehmende im Mindestlohnsektor gezielt unterstützen.

2012 habe ich ein Praktikum bei FLSmidth, einem großen dänischen Ingenieurunternehmen gemacht. Es hat mich beruflich inspiriert und bis heute geprägt. Und es hat mir für meine damaligen Verhältnisse als Praktikantin – noch mitten im Studium und ohne besondere Qualifikationen – , ein ziemlich gutes Gehalt gezahlt. Umgerechnet bekam ich 1500€.  Als ich ein Jahr später meinen ersten Job in Berlin anfing, hatte ich einen Masterabschluss, ausgezeichnete Noten und einen Sack voller Erfahrungen im Gepäck. Trotzdem sollte ich erst einmal für drei Monate als Praktikantin arbeiten, um mich zu beweisen. Dies gelang und mir wurde eine feste Stelle angeboten, die nur marginal besser vergütet wurde als mein Praktikum in Dänemark.

Ich bin froh für die Erfahrungen und Lehren, die ich daraus gezogen habe, aber ich bin auch froh, dass sich seitdem einiges geändert hat und wir nun in einer Gesellschaft leben, in der es einen Mindestlohn gibt. Über die angemessene Höhe dessen lässt sich debattieren. Trotzdem ist er der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich deutsche Unternehmen zu einigen haben, wenn es um die Wertschätzung von Arbeit geht. Der Mindestlohn macht es Unternehmen nämlich schwer, gering bezahlte Arbeit je nach wirtschaftlicher Lage zu vergüten und somit inflationär zu bewerten. Das ist in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen besonders wichtig.

Deutschland als Niedriglohnland

Deutschland ist immer noch ein Land mit einem großen Niedriglohnsektor. Mir ist vollkommen unklar, warum in der aktuellen Coronakrise nicht ausgiebiger auf die vielen prekären Arbeitsverhältnisse aufmerksam gemacht wird. Laut statistischem Bundesamt befanden sich 2018 20,1% der Arbeitnehmenden in Beschäftigungsverhältnissen, mit denen sie nicht sich selbst und ihre Angehörigen, beispielsweise Kinder, ausreichend versorgen konnten.

(https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Glossar/atypische-beschaeftigung.html. Zugriff, 10.05.2020; https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/10/PD19_N004_132.html, Zugriff, 10.05.2020).

Das ist ein erschreckendes Fünftel der arbeitenden Bevölkerung. Das heißt, dass diesen Menschen im Falle von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit ein sehr geringer Betrag zum Leben bleibt. Höchstwahrscheinlich gerade jetzt.   

Selbstverständlich wird es auch für Besserverdienende kniffelig, wenn durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit ein bedeutender Teil des Einkommens fehlt. Aber im Niedrig- und Mindestlohnsektor befinden wir uns am Existenzminimum! Wir reden bei einem in Vollzeit arbeitenden Elternteil, das den Mindestlohn verdient und sich aktuell in 100% Kurzarbeit befindet über weniger als 1000€ pro Monat, um Miete, Essen, Produkte des täglichen Bedarfs und das Internet/Telefon zu bezahlen. Der Laptop, der fürs Homeschooling gebraucht wird, ist hier noch nicht mal mit eingerechnet. 

Es ist gut, dass wir den Mindestlohn und Kurzarbeit haben, denn Maßnahmen wie diese machen unseren Sozialstaat aus. Was aber auch klar sein sollte: Menschen aus dem Mindestlohnsektor haben aktuell noch weniger. Wenn sich der Arbeitsmarkt nach der Krise wieder öffnet und Unternehmen wieder mehr Personal einstellen, sind es diese Menschen, die es noch schwerer haben eine faire Vergütung für ihre Arbeit zu verhandeln. Sie werden sich dem Druck ausgesetzt fühlen ihre Arbeit günstiger anzubieten, weil andere das auch tun. Aber wenn man weniger von wenig verdient, bleibt am Ende fast nichts. 

Was Unternehmen jetzt tun können

Ja, die Wirtschaft war vor der Coronakrise überhitzt. Ja, Arbeitnehmende hatten sehr gute Wahl- und Verhandlungsmöglichkeiten. Aber nur, weil sich das in der Zukunft vermutlich ändert und Unternehmen wieder eine größere Auswahl auf dem Arbeitsmarkt haben, dürfen dies nicht die ohnehin wenig Verdienenden ausbaden müssen. Um dauerhaft die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse niedrig zu halten, liegt es auch in der Verantwortung von Unternehmen, sozial zu denken und den Wert von Arbeit angemessen zu vergüten. Ganz ohne große Extraausgaben  können sie das bereits jetzt. Hier ein paar konkrete Ideen:

  • Müssen wirklich alle Arbeitnehmenden in Kurzarbeit gehen? Vielleicht kann die Assistenzrolle in Teilzeit weiter genauso besetzt bleiben und auch andere Aufgaben übernehmen. Somit wird ein kleines Gehalt nicht noch kleiner gemacht.
  • Sehr gut Verdienende können auf einen Teil ihres Gehaltes verzichten. Was VW als letzte Lösung sieht, hat die neuseeländische Regierung um Jacinda Ardern bereits vorgemacht. Für sechs Monate verzichten sie auf 20% ihrer Bezüge. Unternehmen sollten nachziehen.  
  • Ist ein Unternehmen dabei sich nach der Krise zu erholen, kann es für eine gewisse Zeit die Gehälter einfrieren. Erste Erhöhungen werden dann zunächst bei den niedrigsten Löhnen getätigt. 
  • Der Arbeitsvertrag eines geschätzten Teammitglieds läuft gerade jetzt aus und auf Grund der Krise ist die gewünschte Übernahme nicht möglich. Bleibt trotzdem im Kontakt und macht ein Meeting in zwei Monaten aus. Das ist verbindlicher als aneinander zu denken, und kann für beide Seiten langfristig ein Vorteil sein.
  • Im Unternehmen gibt es viele Familien, die sich mit homeschooling befassen? Vielleicht gibt es noch die ein oder andere Hardware, die das Unternehmen für diesen Zweck verleihen kann. Ein älterer Laptop kann immer noch gute Dienste tun und letzten Endes auch den arbeitenden Eltern etwas mehr Zeit für andere Dinge geben. 

Der Wert von Arbeit drückt sich zunächst in einem fairen Gehalt aus. Geplagte Unternehmen können aber auch Alternativen finden, um Geringverdienende in der Krise zu unterstützen. Deswegen sind faire Löhne nicht nur eine politische Verantwortung, sondern eine gesellschaftliche. Wir müssen den Wert von Arbeit als etwas Stetiges sehen und ihn nicht von der aktuellen wirtschaftlichen Situation abhängig machen. Als Arbeitnehmende müssen wir ihn einfordern und als Unternehmen müssen wir ihn schätzen. Als Konsumenten müssen wir bereit sein, faire Preise zu zahlen und lokal zu kaufen. Hier liegt vieles in unserer Hand. Vielleicht hilft uns die Krise und die neue Solidarität dabei auch auf lange Sicht verantwortlich zu handeln.  Denn alle sollten in der Lage sein von ihrer Arbeit zu leben. In jeder Lebenslage.

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